Reif für die Insel - Ein Auslandssemester in England
(Daniela Fiedler, FB WI/IBE, November 2003)
Die Vorbereitungen
Im Sommer 2002 wurde ein Partnerschaftsvertrag zwischen dem Fachbereich WI und der University of Essex, Colchester, England abgeschlossen. Ich bewarb mich für den Austausch im Rahmen des neuen SOKRATES/ERASMUS-Programms, und bekam die Zulassung für das Wintersemester 2002/03.
Bereits bei der Bewerbung musste ich eine Auswahl der Kurse treffen, die ich an der Uni Essex besuchen wollte. Um kein Semester zu verlieren und gleich im Anschluss an den Auslandsaufenthalt wie geplant ins 5. Semester einsteigen zu können, stimmte ich die Kursinhalte mit den Lehrveranstaltungen unseres 4. Semesters ab. Ich erkundigte mich im Vorfeld bei den jeweiligen Profs der FH, ob mir diese Kurse dann angerechnet werden. Prof. Schmager, Frau Förster vom Akademischen Auslandsamtsamt der FH, der zuständige Supervisor der Uni Essex, Prof. Spacek und die Sokrates-Verantwortliche Julie Andrews standen bei Fragen hilfreich zur Seite.
Alle Formalitäten geklärt, mein Zimmer in Jena untervermietet, machte ich mich Ende September mit Sack und Pack und eigenem Auto auf den Weg auf die Insel. Die Entscheidung, mich mit eigenem Auto in das Land mit Linksverkehr zu wagen, stellte sich sehr bald als äußerst praktisch heraus. Ich war nicht nur sehr flexibel was Ausflüge am Wochenende betraf, sondern auch für Großeinkäufe bei TESCO bestens gewappnet.
Die Finanzierung
Da die University of Essex eine Partnerhochschule im Sokrates-Programm der FH Jena ist, war ich von den Studiengebühren befreit. Für diesen Auslandsaufenthalt kam die Förderung über das SOKRATES/ERASMUS-Programm und das allgemeine Auslandsbafög in Frage. Die Sokrates-Unterstützung, deren Antragsbearbeitung sehr lange dauerte, belief sich auf 100 € pro Monat. Weiterhin sollte man auf jeden Fall einen Antrag auf Auslandsbafög bei der Bezirksregierung Köln (Abteilung Ausbildungsförderung) stellen, da die Bedarfssätze für ein Auslandsstudium weitaus höher als für einInlandsstudium sind. Dabei gilt eines: früh genug über die verschiedenen Fördermöglichkeiten informieren und diese beantragen, um auch rechtzeitig das Geld zur Verfügung zu haben.
Für das übrige notwendige Kleingeld musste das Sparschwein herhalten. Die Lebenshaltungskosten in England sind etwa 1,5-mal so hoch wie in Deutschland.
Die Uni und Umgebung
Die University of Essex ist eine Campusuniversität in Colchester, ca. 1 Autostunde von London entfernt. Sie hat 17 Departments und zählt über 9000 Studenten. Davon sind knapp 3000 ausländische Studenten aus über 120 Ländern - viele Asiaten, Mexikanern und Griechen.
Errichtet in den 60er Jahren, sehen die Vorlesungsgebäude der Uni entsprechend alt aus. Schon von weitem sind sechs schwarzfarbene Wohnhochhäuser - die so genannten Towers - zu sehen. Das Gesamtbild verschönert sich jedoch unheimlich durch die neuen Studentenunterkünfte und den über 80 ha großen, traumhaften Wivenhoe-Park rund um die Uni.
Alle Campusunterkünfte, mehr oder weniger luxuriös ausgestattet, sind grundsätzlich teuer (39 bis 75 GBP pro Woche), verfügen aber über Telefonanschluss und Standleitung. Überall auf dem Campus gibt es öffentliche Telefone, von denen aus kostenlose campusinterne Telefongespräche geführt werden können - echt praktisch!
Vom Campus aus sind es zum Stadtzentrum von Colchester ca. 45 Minuten Fußweg oder 10 Minuten per Bus. Colchester ist Englands „oldest recorded town”, hat etwa 100.000 Einwohner und historisch, kulturell und auch für Nachtschwärmer viel zu bieten. Von hier aus hat man sehr gute Bus- und Zugverbindungen nach London und zum Flughafen Stansted. Die Shuttles fahren teilweise auch direkt zur Uni.
Die Uni hat mir nicht zuletzt so gut gefallen durch die Nähe zu London. Auch Cambridge und die nähere Umgebung von Colchester sind immer eine Reise wert.
Das Studium an sich …
Unterschiede zum Studium in Deutschland gibt es einige: Das Studienjahr in England ist in Trimester eingeteilt. Die Prüfungen für jedes Modul werden generell erst nach dem Studienjahr, d.h. im Juni absolviert. Es gibt keine Prüfungen nach dem Autumn oder Spring Term, zu den Prüfungen im Juni muss man dann zwingend noch mal hin.
Die Anzahl der Semesterwochenstunden an einer englischen Uni ist weitaus geringer. Die Kurse bestehen aus jeweils 50-minütigen Vorlesungen und Übungen. In den Vorlesungen werden generell nur die Grundgedanken des Themas vermittelt. Es ist eine umfangreiche Vor- und Nachbereitung des Vorlesungsstoffes notwendig.
Von meinem Supervisor, Prof. Spacek vom Department of Computer Science, bekam ich die Empfehlung, vier bis fünf Kurse mit einem Umfang von ca. 3 Zeitstunden zu belegen. Abgestimmt mit den heimatlichen Lehrinhalten entstand eine bunte Mischung aus 1st year, 2nd year, 3rd year Kursen und einem Kurs aus dem Masterprogramm:
- Introduction to Software Engineering (CC171)
- Introduction to Databases (CC254)
- Advanced Object Oriented Programming (CC351)
- eCommerce Programming (CC431)
- Introduction to Economics (EC111)
Über meine nur 13 Wochenstunden war ich sehr erfreut - jedoch ließ die Arbeit nicht lange auf sich warten. Das 4. Semester war zu meinem Nachteil sehr informatik-lastig, was die ganzen Aufgaben für mich erschwerte.
Während des Semesters sind für jeden Kurs so genannte Assignments zu bearbeiten, die in die Endnote mit einfließen. In allen Kursen des Computer Science Departments waren diese Assignments praktische Arbeiten und Projekte, und die Assignments der höheren Semester hatten es wirklich in sich. So beschäftigte ich mich unter anderem mit Thread-Programmierung, Programmieren eines Online-Shops mit Active Server Pages, Erstellen eines Online-Buchsystems auf Basis von Java Server Pages, Erstellen von Abfrageskripten für eine mySQL-Datenbank…
Das Department of Computer Science hat drei eigene große Computerlabore, die rund im die Uhr geöffnet sind. So verbrachte ich so manche Nacht im Computerlabor, schwitzend über meinen vielen Aufgaben. Positiv daran war - ich war nicht allein ;) Rückte die Deadline näher, waren die Labore auch nachts verhältnismäßig voll.
Ob nun Glück oder Pech für mich - Im Wintersemester 2002/03 gab es für Austauschstudenten, die nur ein Trimester absolvierten, noch eine Sonderregelung hinsichtlich der Abschlussprüfungen. Ich bekam für jedes Modul anstelle der im Juni stattfindenden Prüfung eine zusätzliche Aufgabe - meist in Form einer Literaturarbeit - die bis zu meiner Abreise eingereicht werden musste.
Bewertet wird in England nachdem Prozente-System. Die Stufung ist weniger streng als bei uns, und Austauschstudenten werden aufgrund der Sprache noch etwas besser gestellt. Bestanden sind die Kurse ab 45%, ein A gibt es ab 71%.
Alle Vorlesungsunterlagen waren online verfügbar. Außerhalb der Veranstaltungen erfolgte die Kommunikation zwischen Dozenten und Studenten einfach per Mail. Jeder Student hatte einen Account und war für den Mailverteiler seiner Kurse registriert. So hatte man aktuelle Stundenplanänderungen, Erinnerungen an die Deadlines, Hinweise der Dozenten und sonstige Infos einfach in seinem Postfach…
Die Uni bietet weiterhin kostenlose Sprachkurse für ausländische Studenten und viele Skills-Trainings (Negotiating, Working in Teams, Problem Solving, Promotional Writing,…).
Was ist los auf dem Campus
Kurz gesagt: VIEL! :o) Es wurde nie langweilig.
Für die neuen Studenten gibt es eine Einführungswoche mit zahlreichen Begrüßungs- und Infoveranstaltungen. Man hat Zeit, den Campus und Umgebung zu erkunden, seine Betreuer kennen zu lernen und in die vielen angebotenen Freizeitmöglichkeiten hineinzuschnuppern. Auf der „Freshers’ Fair” - der traditionell am ersten Samstag stattfindenden Campusmesse - stellen sich alle Societies und Sportteams der Universität vor und werben neue Mitglieder. Sportbegeisterte haben eine große Auswahl an Sportarten von A bis Z. Jeder Mittwochnachmittag ist für die Wettkämpfe der einzelnen Sportteams reserviert und daher generell vorlesungsfrei. Für einen kleinen Obolus kriegt man als Society-Mitglied wirklich viel geboten: es werden preiswerte Ausflüge, Partys oder Kinoabende organisiert und man knüpft nebenbei viele neue Kontakte.
Auf dem Campus ist alles vorhanden, was das Herz begehrt.
Um mal mit dem Nachtleben anzufangen: Mit zwei Diskotheken, zwei Billiardcafes und einigen Bars, in denen regelmäßig Themen- und Karaokeabende organisiert wurden und dem Hörsaalkino hatte man manchmal echt die Qual der Wahl… Es wird keine Mühe gescheut, den Studenten das Campus- und Nachtleben zu versüßen. In allen Bars galt natürlich: 11 pm Zapfenstreich!
Weiterhin gibt es auf dem Campus ein riesiges Sport Center, die Bibliothek, einen kleinen Supermarkt, Waschsalon, Reisebüro, eine Post, und mehrere teure Fast-Food „Restaurants”. Nur leider keine Mensa!!
Fazit
Die 3 Monate in England waren super. Trotz der vielen Arbeit kamen die angenehmeren Seiten des Lebens nicht zu kurz. Es war faszinierend, wie Studenten vieler verschiedener Nationen wie eine kleine Gemeinschaft das Campusleben genießen. Dadurch, dass die Studenten auf dem Campus leben, studieren und feiern, und die Societies viele gemeinsame Aktivitäten organisieren, wird die Zusammengehörigkeit ungemein gefördert.
Nun ja - reif für die Insel?
Links
www.essex.ac.uk mit aktuellen und ausführlichen Infos zu allen Bereichen
http://www2.essex.ac.uk/courses/. Ausführliche Kursbeschreibungen
http://www.essex.ac.uk/socrates/ Das SOKRATES-Programm der Uni Essex
http://www.bafoeg-rechner.de/FAQ/bafoeg_ausland.php3 Auslandsbafög





